Familie Papa
Geschichten

Wie alles began:

Es begann im Sommerurlaub an der Cote Azur, wo zum ersten mal seit Jahren KEINER der Bekannten ein Boot dabei hatte. Wenn man nur auf Wasser rausschauen kann, können die rauhe Küste und der Kiesstrand  ziemlich langweilig werden.
Also reifte in mir der Entschluss, eine Nussschale zu ergattern und mit 5 PS zu befeueren.
Wobei, zweimal 5PS wären doch besser - geschissen auf Führerscheine - in Frankreich juckt das doch keinen.
Auf der Heimfahrt habe ich diesen Plan mit meiner Exverlobten erörtert und die Heimfahrt war lang.
Irgendwo an der Schweizer Grenze war das Boot schon von annehmbarer Grösse und wenn schon ohne Schein, so dann doch mit einem Ebay Motor von - sagen wir mal - 80 PS.

Das Internet ist eine Spielwiese und da das Projekt schon lange über ein kleines Boot hinausgewachsen war, habe wir uns für den Selbstbau eines kleinen Runabout nach amerikanischen Plänen entschieden.

Wo baut man ein Boot?

Die Hausverwaltung schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als ich nachfragte, ob das in der Tiefgarage machbar wäre.
Das Wohnzimmer wär theoretisch möglich gewesen, allerdings wäre zum Dreck erschwerend hinzugekommen, dass wir halt nicht ebenerdig wohnen. Ein Modellversuch mit Lego-Wohnung und Balsarumpf ergab:
Wir hätten das Ding aus der Türe, zwischen der Pergola auf der Dachterasse tatsächlich bis zur Brüstung bekommen, von wo wir es nur noch abseilen hätten müssen.
 

Die Werft


Letztendlich sind wir wild in der Gegend umhergefahren und haben die Bauernhöfe abgeklappert. Auch hier nur Absagen, bis man uns zum “Künstler” schickte. Der gute Mann hat vor Jahren versucht aus seinem ehemaligen Kuhstall eine Lesestube für Selbstheilung und Naturmedizin zu machen. Dank der Resonanz auf Nulllevel, war der Stall immer noch ungenutzt. Vielleicht hat er, nachdem wir erklärten was wir vorhatten, Mitleid mit uns armen Spinnern und wir hatten für stolze 100 DM im Monat, 18 qm zugiger und kalter Stall.

Wir begannen mit Dachlatten ein Gerüst um unser Reich zu bauen, zum einen um den Rest des Stalles nicht einzustauben, zum anderen um wenigstens ein bisschen den Wind aus unserem Arbeitsbereich zu halten.
Es wurde Januar und die Temperatur sank weit unter Null Grad, also hinterlegten wir die Plastikfolien mit Styropor. Es zeigte wenig Wirkung und sicherlich 95 % unseres Stromverbrauchs gingen für Ölradiator und Heizlüfter drauf.
Als das Boot im Sommer aus dem Stall war, dämmerte unserem Vermieter, das wohl bald eine Einnamequelle versiegen könnte und bot uns zusätzlichen Platz an.
Etwa ein viertel Jahr lang feilschten wir, denn uns war der Platz ausreichend, nur die 100 DM waren ein Quell des Unmutes.
Immer wieder kleine Pfennigfuchsereien mit dem Chef führten zu einem spontanen Einriss der Folien/ Styroporwände meinerseits und der Ankündigung das Feld zu räumen.
Es folgte eine heftige Debatte und zum Schluss halbierte er die damaligen 50 Euro,kam dabei auf 25 DM, rechnete das nochmal in Euro um und schlug noch einen Schlingelzuschlag drauf - die zukünftige Miete betrug 20 Euro..
Es fiel mir schwer, das Pokerface zu wahren - Handschlag drauf und schnell weg.
Wir begannen sofort am nächsten Wochenende die Wände aus Spanplatten wieder aufzubauen und das “elektrische” endlich vernünftig zu verlegen.
Etwa drei Monate später wars wieder vorbei mit dem Schnäppchen, er hat auf 25 Euro erhöht.

Und so habe wir uns den Winter die Finger abgefroren und ein Boot gebaut.

Der Motor

Allen Bekannten zum Trotz, die unsere Vernunft anzweifelten schritt der Bau gut voran und das Boot wurde zusehens erkennbar.

Das in Frankreich noch geplante Budget von ein paar Mark fuffzig war mit dem Kauf der Pläne schon überschritten - also gehen wir in die Vollen.

Mahagoni drauf und wenn der Bodensee vor der Türe liegt, so soll es auch dort fahren können.

Somit waren Ebay- Motoren aus dem Rennen und es wurde ein Nagelneuer Mercury mit Bodenseezulassung.


Das Bodenseeschifferpatent


Blieb noch das Problem mit den Deutschen und ihren Scheinen.
Madam wollte nicht, also hat ein Freund mitgemacht.
Praxisübungen (wenn man die dreimal Anlegen so nennen kann) haben wir bei einem Fahrlehrer absolviert, Theorie haben wir uns am Tag vor der Prüfung unter Zuhilfenahme von französischen Rotwein in Eigenregie beigebracht.

Zur Prüfung hat mich Ralf auf dem Motorad mitgenommen.
Er mit seinen 1,70 vorne, ich mit meinen 1,90 hinten - hat sicher lustig ausgesehen. Er hat gefragt, ob er mal einen Wheely machen soll. Nachdem ich ihm erklärt habe, wo ich mich dann festhalten würde, hat er das aber gelassen.
Die anderen Prüflinge haben uns sehr verunsichert. Laut eigenen Angabe haben sie excessiv gelernt und haben dies auch bis zur Ausgabe der Fragebögen fortgesetzt - uns saß noch der Rotwein im Gemüt.

Es hat geklappt.

Pünktlich zur Praktischen Prüfung hat Ralf seine Augenentzündung bekommen.
Trotz regnerischem Wetter lief er mit tief in die Augen gezogenem Käppy und Sonnenbrille rum. Soweit wie möglich hat er die Augen geschlossen gehalten und ich habe ihn gelotst - die anderen Prüflinge wären fast umgefallen, als er mit tastender Handbewegung fragte "Dominik, wo bist du?". Ich stand zwei Meter weiter.

Genau die 15 Minuten der Prüfung konnte er die Augen aufhalten und dann habe ich ihn wieder Steeve Wonder - like abgeführt.
Das bestandene Bodenseeschifferpatent haben wir mit Kamilleteebeuteln auf den Augen unter der Rotlichtlampe gefeiert.
 

Der Stapellauf


Als der Sommer 2002 zur Hochform auf- und das Boot dem Stapellauf entgegen lief, habe wir vom Landratsamt den Termin zur Abnahme für den 1. August zugeteilt bekommen.

Um den Termin morgens um acht wahrnehmen zu können, wollten wir das Boot am Tag zuvor Abends wassern, über Nacht auf einem Gästeliegeplatz lassen und am Tag X dann gemütlich nach Radolfzell zur Abnahme fahren.

Die Fahrt zum See war nicht so spannend, beladen zog sich der Trailer deutlich weniger Kängurulike als auf der Fahrt vom Händler nach Hause.
Dort hat er nämlich so gehüpft, dass sich irgendwann die Lichtleiste löste und nur noch am Kabel hängend, fünkensprühend hinterherklapperte.

Ein kleines Problem an der Auflaufbremse glaubten wir zuhause durch massiven Einsatz von WD40 behoben zu haben.

Glaubten wir - war aber nicht.
Beim rückwärts an die Rampe fahren, hat sich die Auflaufbremse zusammengeschoben und die Räder blockiert.
Wir haben den Hänger abgehängt und wollten ihn an der Winde die Rampe runterlassen.
Leider hat der Schutzheilige von WD40 nicht vermocht, die Bremsen wieder zu öffnen.
Schläge mit dem Radkreuz auf die Trommel haben nur bewirkt, dass sich immer mehr Spaziergänger in Schaulustige verwandelten.

"Gebt mir einen wirklich großen Hammer!"

Zu viert haben wir letztendlich den Trailer die Rampe runtergeschoben.

Währenddessen musste Birgit dem Publikum Rede und Antwort stehen.
"Aha Eigenbau", "und das ist dicht?", ...

Irgendwann war das Drecksding so weit im Wasser, dass ich den Karabiner am Bug losgemacht habe und das Boot dank der Rollenauflagen mit einem Schwung in den See gerauscht ist.

Beifall vom Steg

Trailer wieder an Land gezogen, natürlich sind nach wenigen Metern die Bremsen aufgegangen.

"Den Hammer bitte!"

Leider war das Gefühl, im eigenen Boot zu sitzen etwas untergegangen, obgleich des total vermurksten Zuwasserlassens.
Aber da war ja noch der Moment des Motorstartes.
Also, Schlüssel rum und weg vom Steg.

Wäwäwäwäwäwpuhhh

Nanu, genug Benzin?

Wäwäwäwäwäwpuhhh

Strom ist da!

Wäwäwäwäwäwpuhhh

Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, ein Versuch nach dem anderen scheiterte unter den aufmerksamen Augen des Publikums am Steg.

Verzweifelt saß ich da, erst der Trailer, jetzt der Motor.

"Bringt mir endlich den Hammer!"

Wenigstens war das Boot dicht, es schwamm ja schon 15 Minuten.
Der schöne Gashebel, alles für die Katz
Gashebel
Gashebel

Oh Gott, da gibt´s doch diesen seltsamen Notausschalter
Kurzer Check - roter Kopf, Notaus deaktiviert .

Wäwäwrummmmm - die Gurke schnurrte wie ein Kätzchen.

Wir verloren keine Zeit aus dem Sichtfeld des Hafens zu kommen.
Erst draußen auf dem See stellten wir fest, dass die Einstellung der Gänge nicht stimmte.
Zog man den Hebel auf Neutral, war immer noch Vorwärts drin, erst ein wenig in Rückwärts legte den Propeller still, aber für diesen Tag hatte ich genug.
Wir fuhren zurück in den Hafen und machten Boot fest.

Ich hab schlecht geschlafen in der Nacht, irgendwie fürchtete ich, das Boot würde sich losreißen und die benachbarten Megayachten verdengeln.
 

Die Zulassungsabnahme


Der Abnahmetag begann ganz ruhig und auch das Boot hat keine Ausflüge ohne uns unternommen.
Nach Radolfzell sind es etwa 15 Minuten und wir hatten noch 30 bis zum Termin. Mitten auf dem See hab ich beschlossen, die Gangeinstellung noch zu korrigieren.
Haube auf, ein wenig hier gedreht, ein wenig da verstellt.
Man hört am Klack, ob die Gänge passen, also einmal Vorwärtsgang - Klack, einmal Neutral - Klack, einmal Rückwärts - Klack.
Leider war der Rückwärtsgang eine Sackgasse, nach Neutral war nicht mehr zu wollen.
Die Gefühlswelt vom Abend zuvor wiederholte sich und ich hatte den großen Hammer zuhause vergessen.
Wieder musste ich 15 Minuten leiden, bis wir herausfanden, dass die Kurbelwelle nur in ganz bestimmten Positionen das Schalten zulässt.

Es war viel Zeit vergangen, wir waren zu spät.
Die rauschende Fahrt über den spiegelglatten See hob unsere Stimmung wieder etwas an.

Am Steg begrüßte uns ein Bekannter, der bei der Abnahme dabei sein wollte.
Sinngemäß lies er uns wissen, der Prüfer habe auch nicht ewig Zeit und sei wütend wieder abgezogen.
Schon wieder gefrustet habe wir dennoch festgemacht und den Prüfer dann einfach bei der Abnahme eines anderen Bootes gefunden.

Solche Freunde braucht man vor allem, wenn man keinen großen Hammer dabei hat.

Die Abnahme an sich war ein erfreuliches Unterfangen.
Vorbereitet, in die Tiefen der Konstruktion einzutauchen, wollte der nette Herr lediglich die vorgeschriebene Ausrüstung und das Abgaszertifikat sehen und schon hatten wir den amtlichen Segen.
 

Der Vermieter unserer “Werft”

 

Ja, in Leo haben wir ein Original gefunden.
Für Baujahr 1925 hüpft er noch umher wie manch Jüngerer nicht. Der Hof liegt brach , er beschäftigt sich mit der Instandhaltung, Äpfel sammeln und vor allem der Vermietung der Stallungen an Ponnybesitzer, VW Käferschrauber und einen Bootsbauer.

Als Kind der Vorkriegszeit ist es ihm verinnerlicht, sparsam zu sein.. Diese Einstellung spiegelt sich in einer Sammelwut besonderen Ausmasses, Selbstversorgung mit allem was im Garten großzuziehen ist und einer fast schon lustigen Pfennigfuchserei wieder. Wir hatten gerade die Spannten ausgesägt, als er am folgenden Tag eifrig die Abfallstücke eingesammelt kleingesägt und verheizt hatte. Den Definition von Abfallstücken umfasst durchaus auch ein Meter lange Bretter.

Gleich zu Anfang, bei der Besichtigung der Örtlichkeiten, zeigte er uns auch die Toilette mit dem Hinweis, dass man auch ruhig sein kleines Geschäft im Garten verrichten kann. Gleich im nächsten Satz kam er auf den Garten zusprechen und fragte uns, ob wir nicht ein bisschen Salat oder Tomaten haben wollten.

Seine sicherlich sehr ausgewogene Ernährung demonstrierte er nicht selten wenn er sich nach irgendwas bückte. Die Flatulenzen waren stets von ausergewöhnlicher Note und akustischer Fülle.

Gerade im Sommer waren ihm die alten Latzhosen wohl besonders lieb. Die Kniepartien hatte er geflickt, im Schritt war das wohl nicht nötig. Auf jedenfall stand Birgit eines Tages genau hinter ihm, als ein Stück Abfallholz sein Interesse weckte. In gebücktem Zustand gab die Hose genau das frei, was man am einem 75 jährigen wohl kaum sehen will.

Viele Stunden durften wir uns Geschichten anhören, wie er unter Anwendung von Selbst- und Naturheilmethoden alle möglichen Zipperlein heilen konnte. Für jedes Gebrechen hatte er ein Hausmittel und so kam er mal mit Quarkverschmiertem Gesicht oder Zwiebelwickeln daher.

Unter Zuhilfenahme seines Pendels habe er anhand eines Zeitungsbildes beim Dorfmetzger ein Problem an der Pleura diagnostiziert, was der Hausarzt dann wenige Wochen später bescheinigte.
Es folgte eine umfangreiche Auspendlung von uns und unserem Boot. Anscheinend sind wir gesund, beim Boot war es ihm wohl undeutlich und er wechselte das Thema.

Ich glaube, wir sind ihm auch ein wenig ans Herz gewachsen, einige Male gelang es uns ihn zum lächeln zu bringen und stets genoss er die Diskussionen mit Birgit. Jedoch hat sie es schwer, mit sachlichen Argumenten gegen eine eingefahrene Meinung anzugehen. Von ihm stammt der Satz “Du bist jung, dumm und unerfahren”

Wenns allerdings ums Geld, den Strom und die Brandgefahr ging, hörte alle Sympathie auf. Nachdem der Boden mit Sägespänen und Schleifstaub bedeckt war, hielt er mir einen Zeitungsartikeln aus den Fünfzigern zum Thema Staubexplosionen unter die Nase. Ein ganz heisses Thema für ihn und er verlangte bevor ich bei -5°C den Ölradiator anschliessen durfte eine gründliche Reinigung der Werkstatt. Er bot mir an, für ein paar Euro beim Fegen zu helfen.

Beim Strom war er ähnlich drauf und alle Kabel hatten entweder auf Schieferplatten zu liegen oder mit Schellen im Abstand von 2 cm zur Wand befestigt zu sein.
Als ich seine Anweisungen erfüllte und erklärte Elektriker zu sein (kleiner Schwindel, ich bin Elektroniker) hatte ich bei der Elektroinstallation freie Hand. Mehr noch, fortan war ich Problemlöser bei allen elektrischen Problemen wie Steckdosen verlegen und Lampen auswechseln. Leider hab ich es nicht fertiggebracht meine Dienste in Rechnung zu stellen.

Jetzt, wo wir umgezogen sind und den Stall geräumt haben, vermisse ich beides – die Werkstatt und unseren Leo. Er hat dabei einen sauberen Schnitt gemacht, den das Geld für die Lampen, die Trockenbauwände und die Regale hab ich natürlich nicht wiedergesehen.

Leider hab ich nicht ein einziges Foto von Leo